Ist Aufmaß ein Rechenproblem?

Wer kennt sie nicht, die Formelsammlungsangebote für den engagierten Aufmesser. Unabhängig davon, ob man  wirklich mehr braucht als Rechteck,  Dreieck, Trapez  oder Kreis, was jeder mit Hauptschulabschluss locker hinkriegt, geht das Angebot in die falsche Richtung. Schlechte Aufmaße sind nicht deshalb schlecht, weil die Leute nicht rechnen können (was manchmal aber zur Erheiterung des Prüfers auch vorkommt), sondern weil den Verfertigern keiner gesagt hat, wie und mit welchen Methoden sie Ordnung halten müssen. Das ist nämlich das Thema, wenn man die 10-20 Aufmaßregeln der VOB Teil C des jeweiligen Gewerks  einmal intus hat.

  1. Wie kriegt man Ordnung z. B. allein in das architektenseitig teilweise anzutreffende Chaos der Raum- und Zimmernummerierung?
  2. Wie gestaltet man eine vernünftige Trennung der einzelnen Abschlagsrechnungen hinsichtlich, Aufmaß, Aufmaßplan und Vollständigkeit bereits abgerechneter Teile?
  3. Welche Methoden wendet man an, um sicher zu sein, in jedem Raum alles aber nichts doppelt abgerechnet zu haben?
  4. Wie teilt man sich die Sache ein, wenn eine Trennung gewünscht wird, hinsichtlich der Arbeiten verschiedener Kolonnen oder Subunternehmer?
  5. Wie geht man z. B. auf einer Großbaustelle um, mit den Teilaufmaßen der jeweiligen Abschlagsrechnungen? Gibt man die Pläne mit zum Prüfen, fehlen sie einem für den Fortgang. Legt man sich dann einen 2. Satz an, hat man das Problem, dass   Satz 1 nicht mehr aktuell ist usw.

Das soll als Aufzählung einmal genügen. In Zukunft sollen diese Punkte in lockerer Folge unter dem Motto Ordnung am Bau abgehandelt werden.

Georg Heckmeier, 31.08.12

 

Betreff:Geld

Den Einheitspreisvertrag unterstellt, bekommt man nur Geld für ausgeführte Leistungen, wenn sie in einem prüffähigen Aufmaß stehen und (neuerdings)  ein Bezug zu Aufmaßplänen hergestellt wird. Die Anforderungen an Aufmaßpläne werden immer höher. Im  Artikel  “So vermeiden Sie die häufigsten Fehler“  habe ich vor Jahren schon darauf hingewiesen, dass es gut sei, gescheite Aufmaßpläne zu machen. Das war visionär, denn heute geht bei manchen großen Bauherrn ohne anständige Aufmaßpläne gar nichts.

Einschub:

Manch einer denkt, dass es bei ihm ohne Pläne auch ganz gut klappt. Da sollte man aber genau hinsehen. Wenn sich z. B. die Bauleiter vom Bauherren und vom Bauunternehmer/Handwerksbetrieb gemeinsam hinsetzen um ein Aufmaß zu prüfen, wird meistens etwas anderes gemacht: Oft wird ein neues, jetzt gemeinsames, Aufmaß erstellt. Und wenn das eingereichte Aufmaß verworren wirkt und sonstige Unterlagen (z. B. Skizzen  oder sonstige Zettel) eher, weil unübersichtlich, noch mehr verwirren, sollte schnell klar werden, wer hier unter die Räder kommt.  Jetzt zählt nicht mehr, was man bisher in mühseliger Kleinarbeit zusammengetragen und aufgeschrieben hat, sondern es gelten die “Fakten” eines hoppla-hopp- Baustellendurchgangs anhand aller aufgelegten Pläne. Nach dem Motto: “bringen Sie Ihre Einwände jetzt oder nie mehr vor”,  fällt alles unter den Tisch, was einem gerade nicht einfällt.  Weil dies ein gemeinsames Aufmaß war, kommt man davon auch nicht mehr weg. Lustigerweise hat sich mit dieser Methode  unter  der Hand die Beweislast umgedreht. Der Auftraggeber muss nicht mehr beweisen, warum eine Aufmaßzeile falsch ist, sondern der Auftragnehmer muss darlegen und beweisen, dass eine bestimmte Leistung ausgeführt worden ist.

Was ist also zu tun?

Abstrakt gesagt: Zwingen Sie den Auftraggeber dazu, dass er jede einzelne Zeile im Aufmaß prüfen muss! Er muss also zu jeder einzelnen Zeile Stellung nehmen. Er muss sie abhaken, korrigieren oder verwerfen. Wie man hier sieht, ist das natürlich Arbeit.

Und wie geht das?

Hier ein Beispiel. Direkter Bezug zum Aufmaßplan durch Verweis auf den Aufmaßplan (8) und Angabe der laufenden Nummer (6) hier die Wände 1,4,5 

Kommentar hellblau rund (6):  Wand, bzw. laufende Nummer pro Raum = 1. Das  entspricht der im Plan dunkelblau dargestellten Zahl im Kreis. Diese bezieht sich auf die hellblaue Signatur. Gemäß Legende (im Planausschnitt nicht dargestellt) ist das die Position 10, Gipsputz. Weiterhin im Kommentar (7) wird darauf verwiesen, dass die Massen der Position 10, Gipsputz zugrunde gelegt sind. Wenn Gipsputz geprüft und für o.k.befunden worden ist, kann man diese Zeile dann getrost abhaken.

Zum Plan:
Man beachte die Signaturen z. B. der Wand (5) links und rechts für Dehnfuge und Gewebe senkrecht gemäß folgender Legende (Auszug).

Zum Aufmaß: (1) = laufende Positionsnummer, (2) = Angabe des Stockwerks
(3) = Raumname (4) = Raumnummer, (5) Formel gemäß weiterer Legende. Hier ist alles dabei wie z. B. Trapez, Bogenlänge, Mantelfläche, Rauminhalt von Zylindern, Quadern und Tetraedern. Ebenso Berechnung der Teile von Bögen, Mantel- u. Kreisflächen oder Zylindern durch Angabe des Winkels gemäß REB. Der besonderen Überschaulichkeit wegen wird das Aufmaß mit 4 Werten dargestellt (10). Neben der Anzahl (dreistellig, damit Umrechnungen mittels “FAKTOR” möglich sind) gibt es nur die Maße 1 – 4.Die Formel 91 entfällt.

Exkurs Formel 91
Die Formel 91 ist 30-40 Jahre überholt. Heute (2013 nicht 1970) hat man ganz andere Möglichkeiten der Dateneingabe durch Verwendung einer Datenbank (z. B. Microsoft SQL Server 2012 – bzw. SQL Server Express zum 0-Tarif), der Validierung,  der Plausibiltätsüberprüfung usw. usw. Ebenso ist eine präzise Filterung möglich nach beliebig vielen Kriterien. Es ist auch möglich, einmal eingegebene Daten mannigfach zu verwenden. So kann man z. B. Regeln aufstellen, abspeichern und wieder verwenden, in welchen Räumen z. B. aus Putz zusätzliche Positionen erzeugt werden (siehe Tabelle am Ende des Artikels).

Schließlich sollte nicht unerwähnt bleiben daß der eingebaute Reportserver alle Erwartungen erfüllt hinsichtlich Ausdruck bzw. Erzeugung von PDFs oder Excel-Dateien.

Aber was macht der Mainstream: Er werkelt weiter mit der 40 Jahre alten Formel 91, die allein schon wegen der großen Fehleranfälligkeit auf den Misthaufen der Geschichte gehört.

Offenbar fühlt sich ein Aufmesser alter Schule nur wohl, wenn er eine möglichst lange Formel mit möglichst viel Klammern Pluses und Mals hinschreiben kann – oder war das dritte Plus ein Mal? Hier haben sich beim flüchtigen Eintippen schon einige arm gerechnet. Es soll aber auch, so hört man, das Gegenteil davon vorgekommen sein, zumindest der Versuch. Bei korrekter Prüfung kommen solche Arten der Bereicherung dann wieder zuverlässig auf. Zugleich ist die Stimmung zwischen den Parteien dann auf dem Tiefpunkt. Der Prüfer fühlt sich verschaukelt und legt dann erst richtig los (wenn er Mumm hat).

Es sei hier anzumerken, dass der Verfasser ein Prüfprogramm entwickelt hat, das solche Formeln  zunächst abstrakt auf Stimmigkeit überprüft und in einem 2. Schritt, darauf, ob die Werte plausibel sind. Dieses Programm deckt zuverlässig fehlerhafte Ansätze auf, seien sie einfach passiert oder beabsichtigt (es lässt sich aber  beobachten, dass “zufällig” fehlerhafte Ansätze das Ergebnis immer vergrößern, nie verkleinern!).

Hier noch einige Details zum Aufmaß. Zum linken Teil wurde bisher schon alles gesagt, es sei nur noch auf den Unterschied zwischen der extrem beliebten Schreibweise von “3.1.4.200″ und “78″ hingewiesen. Erstere ist ein Wort (string) letztere eine ganze Zahl (integer). Rhetorische Frage: Was können Computer 100 mal schneller verarbeiten als Wörter?
Zweitens ist ein Ausdruck als SQL-Filter möglich des Inhalts … and pos in (8,13,16,69,78)” wohingegen der Filter “… and strpos in (’3.1.3.20′, ’3.1.3.70′,  ’3.1.3.100′, ’3.1.4.110′,’3.1.4.200′)” nicht nur zu einem Schreibkrampf führt, sondern auch zu einer Fehlermeldung. Diese Sorte  Aufzählung geht eben nur mit Integer-Zahlen. Die Räume wirklich zu nummerieren (also Ganzzahlen und nicht “32.1” oder “43-b“, verdankt sich dem gleichen Zweck. In (3) kommt das, wie es im Plan steht,  der Raumname, während  (4) die Raumnummer anzeigt.
Hier noch zum rechten Teil.
(9): Trivial aber trotzdem hilfreich ist die Angabe der Zeilennummer gemäß REB. Jede Nummer kann nur einmal vergeben werden. Eine nachträgliche Änderung der Daten ist nicht mehr möglich. Änderungen können nur noch als Korrektur mit einer neuen Nummer angebracht werden.
(6): Angabe der fortlaufenden Nummer pro Raum als direkter Bezug zum Aufmaßplan.
(7) Massen wie:
Gibt man “Original”-daten ein, erhält die Spalte z. B. K8 den Wert “orig”.
Getrennt davon legt man die Regeln fest in einer getrennten aber zum Auftrag gehörenden Tabelle “Regelwerk” (dies ein kleiner Ausschnitt – bei einem gescheiten  Auftrag stehen hier hunderte von Zeilen). Ist man mit der Eingabe fertig, so drückt man den Knopf “Regel anwenden“. Hierbei werden alle Daten, die bisher aus Regeln erzeugt wurden, komplett gelöscht und neu erzeugt. Spätere Änderungen oder Ergänzungen  werden nur unter dem Filter “K8=’orig’ ” bearbeitet. Neue Sätze erhalten hier auch automatisch den Wert “K8 = ‘orig’ “. Ist man fertig, kommt wieder der Befehl “Regel anwenden”, der Automat läuft ab, löscht alle alten und schreibt alle “Massen wie” komplett neu. Nach ein paar Millisekunden (wir schreiben das Jahr 2012) ist wieder alles in Butter. Alle Teilsummen ergeben die Gesamtsumme und jeder Raum für sich enthält alle Positionen.

Hier ein Auszug aus einer Regel-Tabelle. In Filter steht ein gültiger Filterausdruck (in SQL-Schreibweise aber ohne “where” )
BT” bedeutet Bauteil gemäß Beispiel. Es könnte hier aber genauso stehen:
K8 = ‘orig’ and BE in (688,662,719,844) and GE = ‘E2′  and K3 like ‘%56%’  ”(wenn die Aufmaßpläne nur in K3 stehen, reicht diese Angabe)
oder
K8 = ‘orig’ and BE bn 512 and 659 and  K4 like ‘%4%rech%’ ”, was soviel heißt wie: nimm alle Daten, die in der  Spalte K8 den Wert “orig” enthalten und in BE die Raum-Nummern von einschließlich 512 bis einschließlich 695 umfassen und in K4 den Verweis auf die 4. Abschlagsrechnung haben. Für SQL-Kenner: “bn” wird nach der Eingabe in “BETWEEN” übersetzt.

usw.

Filter wiePos NeuPos Regel
K8=’orig’ and BT in (20,41) 10 8 Gipsputz auf Beton
K8=’orig’ and BT in (20,41) 10 13 Gipsputz auf Beton
K8=’orig’ and BT in (20,41) 10 16 Gipsputz auf Beton
K8=’orig’ and BT in (20,41) 10 69 Gipsputz auf Beton
K8=’orig’ and BT in (20,41) 10 78 Gipsputz auf Beton
K8=’orig’ and BT in (20,41) 17 8 Gipsputz auf Mauerwerk
K8=’orig’ and BT in (20,41) 17 9 Gipsputz auf Mauerwerk
K8=’orig’ and BT in (20,41) 17 69 Gipsputz auf Mauerwerk
K8=’orig’ and BT in (20,41) 17 78 Gipsputz auf Mauerwerk

Anmerkung zur Editierung dieser Tabelle: Die Texte der einzelnen Spalten werden natürlich automatisch erzeugt. Mit einer Sondertaste (z. B. Ziffernblock “-”) spaltenweise oder komplett (SHIFT  gedrückt) nach unten gezogen. Dies ist nebenbei das Prinzip aller Eingaben bei bas31, um den Namen des Programms einmal zu nennen.

Die Anwendung der Regel “Gipsputz auf Mauerwerk” erzeugt aus der Position 3.1.3.40 (10) Betongrundierung schalungsrau = wiePos (nur diese Position wird eingegeben)
die Positionen:
3.1.3.20 (8) Wände prüfen und reinigen
3.1.3.70 (13) Putzhaftbrücke Wände  Beton glatt
3.1.4.110 (69) Grundierung GK, Spachtelputz etc. Wand H <= 5,5m
3.1.4.200 (78) Beschichtung auf GK, Gips- und Kalkzementputz H <= 5,5m

Diese Regel ist festgeschrieben und bewirkt, ruft man sie auf, eine komplette Synchronisation der Position 10 mit den Positionen 8,13,16,69,78. Und das alles raumweise zugeordnet und im Aufmaß kommentiert.

Nachsatz:
Wenn ich die Formel 91 nicht verwenden kann, was mach ich dann mit meinen Maßketten?

Antwort 1:
Es gibt eine Subroutine die pro Spalte (Maß 1-4) Maßketten addiert. Das Ergebnis steht in der Spalte, die Einzelmaße  im Kommentar pro Zeile, der beliebig lang sein kann.

Antwort 2:
Bei geeigneter Software, die mit Vektor-Zeichnungen* arbeitet, interessieren Maße und Maßketten nicht mehr. Hier wird die Bemaßung graphisch erzeugt: Man zieht mit der Maus an der entsprechenden Seite und das Maß ist zentimetergenau im Plan, Maßzahl und Pfeil stehen dann farbig und wo man sie haben will gemäß Legende im Plan.
Siehe hierzu auch Aufmaßplan weiter oben: Die Länge der Putzwand ist mit 3,96 m blau dargestellt, die beiden Trapezgrundlinien der Position “Bodenbeschichtung”  (Teile 1 und 2 in Ocker rund, die Maße 0,93 und 3,03 in Ocker mit schwarzen Rand). Das Maß für den Anstrich auf Beton (grüner Strich, Wand 2 in Grün) entsprechend der Legende.

Neben der extremen Geschwindigkeitssteigerung ist mit dieser Methode zusätzlich auch eine graphische Kontrolle erfolgt, die jeden Maßkettenfehler** sicher aufdeckt.

*) Vektorpläne besitzen eine unendliche Genauigkeit, weil darin der Befehlzeichne eine Linie von A nach B” gespeichert wird und nicht die Linie selbst. Sie sind daher auch beliebig vergrößer- und verkleinerbar, wenn man die Strichdicke zum Beispiel von der Skalierung  ausnimmt.

**) Maßkettenfehler in zweierlei Hinsicht:

  • im Plan “eingebaut”  aber bisher nicht bemerkt
  • Fehler beim Aufaddieren z. B. wegen unübersichtlicher Darstellung im Plan usw.Ich reite auf diesem Punkt deswegen herum, weil bei uns  einmal eine sehr gute Mitarbeiterin, die nie etwas falsch gemacht hat, einmal (in 10 Jahren) eine Maßkette falsch addiert hat, was aber genau hier einige (auch finanzielle) Folgen hatte.

 

Georg Heckmeier, 30.08.12

(Der Artikel hat noch ein paar Implikationen. Diese folgen demnächst)